Dezember 2023

Meilenstein 6: Trichogramma

Die biologische Bekämpfung des Maiszünslers mit Trichogramma-Schlupfwespen

Im Februar 1985 fand in Würzburg eine Sitzung der Arbeitsgruppe Pflanzenschutz des Deutschen Maiskomitees mit dem Schwerpunkt „Maiszünsler“ statt. Das Sitzungsprotokoll zeigt, dass der Mais­schädling damals „großräumig gesehen“ wurde und „vermutlich schon ganz Deutschland besiedelt“ hat. Auf der Tagesordnung stand u. a. auch das Thema der Wirksamkeit von Trichogramma zur bio­logischen Bekämpfung des Falters. Aber die Geschichte der biologischen Maiszünslerbekämpfung begann bereits viel früher.

Sylvia Melchior, Bernd Wührer, Pfungstadt; Hubert Sprich, Freimersheim

Ostrinia nubilalis (Abb. 1) ist ein in Euro­pa heimischer, polyphager Schädling, dessen verschiedene Rassen unterschied­liche Wirtspflanzen bevorzugen. Neben Mais dienen auch andere Nutzpflanzen wie Hirse (Sorghum und Panicum), Hop­fen, Kartoffeln, Tomaten oder Buchweizen, aber auch Beikräuter wie Beifuß als Nah­rungspflanze. Die sogenannte Z-Rasse hat besonders im Maisanbau eine große wirt­schaftliche Bedeutung, wie auch der deut­sche Name Maiszünsler zeigt. Bereits 1920 wurde über Befallsschäden in Südbaden berichtet. Der wärmeliebende Falter be­siedelte zuerst die Flusstäler und breitete sich von dort über ganz Deutschland aus. Heute findet man ihn sowohl an der Nord­see als auch in Höhenlagen wie zum Bei­spiel auf der Schwäbischen Alb.
Schäden an der Maispflanze verursachen die gefräßigen Larven dieser Lepidopteren (Schmetterlinge), die sich in Kolben und Stängel einbohren. Der Nährstofftransport wird behindert und die Pflanze ver­liert an Stabilität. Besonders bei starken Niederschlägen brechen die Pflanzen um, und ein Teil der Kolben wird bei der Ernte nicht erfasst. Bei einer Befallsstärke von ein bis zwei Raupen pro Pflanze ist mit Er­tragsverlusten bis 30 % zu rechnen. An den Bohrlöchern siedeln sich Fusariumpilze an, die zu Stängel- und Kolbenfäule führen. In der Folge besteht die Gefahr, dass die Grenzwerte für Fusarientoxine überschrit­ten werden, wodurch die Vermarktung des Erntegutes wesentlich eingeschränkt ist.

Die Historie der Mais­zünslerbekämpfung
Die Intensivierung des Maisanbaus seit den 1960er-Jahren machte eine Bekämp­fung des Maiszünslers notwendig. Ur­sprünglich wurden hierzu verschiedene breitwirksame Insektizide, wie syntheti­sche Pyrethroide, mit Stelzenschleppern oder aus der Luft versprüht. Aufgrund un­erwünschter Nebenwirkungen auf andere Insekten wurde jedoch nach Alternativen gesucht. Die Geschichte der biologischen Bekämpfung des Maiszünslers beginnt 1966 mit dem Einsatz des Bakteriums Ba­cillus thuringiensis (ST) als Granulat und Suspension. Die erzielten Wirkungsgrade waren jedoch nicht ausreichend.
Forscher der Universität Hohenheim, der eidgenössischen Forschungsanstalt Wä­denswil und der Biologischen Bundesan­stalt für Land-und Forstwirtschaft wand­ten sich daraufhin dem Einsatz kleiner In­sekten zu: 1976 wurden erste Versuche mit Trichogramma brassicoe (Abb. 2), damals als T. evanescens bzw. T. maidis bezeichnet, in Hartheim, Südbaden durchgeführt. Der winzige Eiparasit wurde hierfür in Eiern der Mehlmotte vermehrt und die parasi­tierten Motteneier auf Kartonrähmchen im Maisbestand verteilt. Die daraus schlüp­fenden Trichogrammen belegen die Eier des Maiszünslers mit ihren eigenen und statt Schädlingsraupen entwickelt sich die nächste Generation kleiner Nützlinge. In den Folgejahren wurden unterschiedliche Aufwandmengen, Ausbringungszeitpunkte und -abstände getestet. Dadurch konnten die Wirkungsgrade verbessert und stabili­siert werden. Negative Auswirkungen auf die Umwelt wurden dabei nicht beobach­tet -im Gegenteil: Weitere Nützlinge wer­den geschont und der Aufbau von Blatt­lauspopulationen in der Regel behindert.

Der kommerzielle Einsatz der heimi­schen Art begann 1978 durch den Nord­westverband/Basel auf 70 ha: 50.000 pa­rasitierte Eier auf 50 Palettenrähmchen (Abb. 3) wurden pro Hektar per Hand an die Pflanzen gehängt, wobei Wirkungsgra­de bis zu 65 % erzielt werden konnten‘ Die behandelte Fläche stieg kontinuierlich an und schon 1981 wurden fast 500 ha mit Trichogramma behandelt. Bereits damals drehten sich viele Diskussionen um den richtigen Einsatztermin. Beschlossen wur­den drei Ausbringungen ab Flugbeginn des Maiszünslers im Wochentakt. 1984 wur­den von den drei Züchtern KWS Saat AG, Nordwestverband Basel und Nungesser KG Darmstadt auf ca. 1.000 ha Trichogramma freigelassen. 1987 kam mit der Kartonkap­sel der BASF ein Produkt auf den Markt, das zur Ausbringung der Nützlinge auf den Boden geworfen werden kann. Die Qua­lität der Nützlinge wurde nun viele Jahre lang von amtlicher Seite aus kontrolliert und durch Ringversuche in Baden-Würt­temberg, Hessen und Bayern ergänzt. Die Ergebnisse dieser Kontrollen haben viel zur weiteren Entwicklung und dem Erfolg der Nützlinge beigetragen.
Einen besonderen Schub brachte dem Verfahren die Aufnahme ins MEKA-Pro­gramm·, ein Agrarumweltprogramm des Landes Baden-Württemberg. Ab dem Jahr 1994 erhielten Landwirte eine finanzielle Förderung, um die gegenüber einem In­sektizid höheren Kosten auszugleichen. In enger Zusammenarbeit von Produzen­ten, Handel, amtlicher Beratung und An­wendern wurde der Trichogramma-Einsatz stetig optimiert: Ausbringungszeitpunkte wurden durch ein umfangreiches Monito­ringsystem verbessert und maschinell pro­duzierte TrichoKarten und -boxen lösten die handgefertigten Palettenrähmchen ab. Seit 2002 werden Ausbringungseinheiten speziell für die maschinelle Ausbringung entwickelt. Stelzenschlepper (Abb. 4) mit großer Arbeitsbreite legten mit Druckluft punktgenau TrichoKugeln aus abbaubarer Stärke auf dem Maisfeld ab. Versuche, die Kugeln aus der Luft abzuwerfen, scheiter­ten dagegen; GPS war damals nur für mi­litärische Zwecke verfügbar, die ersten Drohnen sehr teuer, Zeppeline zu windan­fällig und Ultraleichtflugzeuge nicht ge­nehmigungsfähig. 2012 war es dann so weit: Gemeinsam entwickelten Fenaco Ufa Samen Nützlinge und AMW Nützlinge mit der Fachhochschule Bern-Zollikofen den ersten Kopter (Titelfoto) zur Ausbringung von Trichogramma.

Aktuelle Situation
Durch den großflächigen und kosten­günstigen Einsatz der Kopter ist die be­handelte Fläche in Deutschland rapide auf geschätzt über 60.000 ha angewach­sen. Genossenschaften, Maschinenringe und Produzenten organisieren dabei die termingerechte Verteilung und Ausbrin­gung der Nützlinge. Die Hauptanwen­dungsgebiete von Tichogramma liegen in Baden-Württemberg, Bayern und der Pfalz, wo der Einsatz durch Agrarumwelt­programme gefördert wird. Zur Bekämp­fung der vorherrschenden univoltinen Rasse werden die Nützlinge in der Regel zweimal im vierzehntägigen Abstand frei­gesetzt.
Die Ausbringung verschiedener Ent­wicklungsstadien gewährleistet einen kontinuierlichen Schlupf der Tiere im Feld während der Eiablage des Maiszünslers. In Deutschland bildete der Maiszünsler bis zur Jahrtausendwende nur eine Ge­neration pro Jahr. Seit 2006 breitet sich in Süd-und zunehmend in Nordbaden ei­ne bivoltine, also eine zwei Generationen im Jahr ausbildende Rasse aus. Dies führt zu deutlich höheren Schäden durch den Zünsler und benötigt zusätzliche Freilas­sungen, um den deutlich längeren Flug­zeitraum abzudecken. Im südlichen Euro­pa sind es häufig sogar drei Generationen. Dies zeigt, wie flexibel die Generationsfol­ge des Maiszünslers ist und dass die Schä­den mit der zu erwartenden Klimaerwär­mung weiter zunehmen dürften. Die Aus­breitung von Ostrinia bedarf einer Auswei­tung des Monitorings sowie der Schulung von Beratern und Anwendern. Schädlin­ge wie der Drahtwurm, der eingewander­te Baumwollkapselwurm oder die einge­schleppten Maiswurzelbohrer und Grüne Reiswanze führen zu weiteren Schäden im Mais. Hier sind zusätzliche Forschungsar­beiten notwendig sowie ähnlich schlag­kräftige Kooperationen wie im Falle des Maiszünslers.

Fazit
Der Maiszünsler ist in Deutschland der wirtschaftlich bedeutendste Maisschäd­ling und mittlerweile in allen deutschen Maisanbaugebieten zu finden. Die Kon­trolle des Maiszünslers erfolgt zuneh­mend biologisch durch den Einsatz der Trichogramma-Schlupfwespe, die bei op­timalem Einsatz einen Wirkungsgrad ver­gleichbar einer chemischen Bekämpfung erreicht. Dazu kommen Vorteile beim An­wenderschutz und die positive Wirkung des Nützlingeinsatzes in der Öffentlich­keit. Der Einsatz von Trichogramma brassi­cae zur Zünslerbekämpfung in Mais ist der­zeit die einzige großflächige Anwendung von Nützlingen im Ackerbau.
Der Klimawandel stellt uns aber auch hier vor eine große Herausforderung: der Maiszünsler, insbesondere die schwerer zu bekämpfende bivoltine Rasse sowie „neue“ Schädlinge breiten sich zunehmend aus und erfordern eine Anpassung der Be­kämpfungsstrategien und die Entwicklung neuer Verfahren. Es wird daher weiterhin die enge Kooperation der Partner und die Unterstützung der Landwirtschaft durch die Politik benötigt.

Sylvia Melchior und Dr. Bernd Wührer
AMW Nützlinge GmbH
64319 Pfungstadt
Telefon: 06157 990595
info@amwnuetzlinge.de

Dr. Hubert Sprich
Cornexo GmbH
67482 Freimersheim
Telefon: 06347 9821646
hsprich@cornexo.de

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Jubiläumsausgabe 50 Jahre „mais“ – Meilensteine des Maisanbaus
04/2023
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